1865
Eine neue Schule in Bühl
Ansichten im Staatsarchiv Augsburg; Bezirksamt Sonthofen Bestand 238; copyright beim Archiv
Mit Einführung der Schulpflicht im Jahr 1802 erhielt der kleine Wallfahrtsort Bühl erst 1865 eine neue Schule, um die unzureichenden Unterrichtsverhältnisse der Werktagsschule in See zu verbessern. Die Schulbildung lag damals in Bayern in der Hand der Geistlichkeit. Der Lehrer war gleichzeitig Mesner und kümmerte sich daher auch um die Kirche St. Stephan, die Wallfahrtskapelle Maria Loreto und die Kapelle St. Anna.
Es entstand ein einklassiges Schulhaus mit Lehrerwohnung. Im 60 qm großen Schulsaal wurden Kinder verschiedener Altersstufen gemeinsam unterrichtet. Eingebettet zwischen den Kirchenbauten und dem ehemaligen Gasthaus „Zum Strauß“ war der Ortskern geprägt von Religion, Bildung und sozialem Leben.
Einige Jahre später brach südlich der Kirche ein verheerender Brand aus. Der damals benachbarte Gasthof „Zum Strauß“ mit Pilgerherberge wurde vollständig zerstört, auch die Schule erlitt erhebliche Schäden. 1895 wurde das Schulgebäude umfassend umgebaut und saniert.Der große Brand
18951914
Die Schule wächst
Aufgrund steigender Schülerzahlen erhielt die Schule 1914 einen Anbau mit zwei übereinanderliegenden Unterrichtsräumen. Der bisherige Schulsaal diente fortan als Wohnung für die zusätzlichen Lehrer. Die beiden jeweils 3,50 Meter hohen Klassenzimmer boten mehr Platz für den Unterricht: Im Erdgeschoss lernten die jüngeren Kinder, im oberen Schulsaal die Klassen fünf bis acht.
Der Anbau prägt bis heute das Erscheinungsbild der Alten Schule.Das Gebäude mit Anbau
Alltag in der Schule
1931Schüler und Schülerinnen mehrerer Jahrgänge im jahr 1931
Neben Lesen, Schreiben, Rechnen und Religion waren auch andere Tätigkeiten, wie z. B. regelmäßige Theateraufführungen im Saal des Straußenwirtshauses oder für die Dampfheizung das Brennholz stapeln im Herbst gefragt.
Der Schulalltag war von Disziplin geprägt: Strafarbeiten oder dem Stehen in der Ecke aber auch die sogenannten „Datzen“ – Schläge auf die Finger zählten zu den damals üblichen Erziehungsmaßnahmen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielten die Kinder mittags eine Schulspeisung aus einer großen Kanne. Jeder brachte dafür ein eigenes Gefäß mit und bekam eine Kelle Essen. Auf dem Speiseplan standen unter anderem Graupensuppe oder Milchreis mit Dörrpflaumen.1972
Der Schulbetrieb endet
Generationen von Bühler Kindern gingen hier zur Schule, teilweise bis zu 80 Schülerinnen und Schüler gleichzeitig. Viele von ihnen legten den bis zu drei Kilometer langen Schulweg aus den umliegenden Weilern täglich zu Fuß zurück – im Winter oft mit dem Schlitten.
Mit der Eingemeindung Bühls nach Immenstadt im Jahr 1972 endete die Schulgeschichte des Hauses. Die Kinder besuchten fortan die größeren Schulen der Umgebung, insbesondere in Immenstadt.Schulklasse aus den 60er Jahren
Vereinsleben und Treffpunkt
1972–2016Vogelperspektive Kirchbichl Bühl, Foto: Jonas Böck
Auch nach dem Ende des Schulbetriebs blieb die Alte Schule ein wichtiger Mittelpunkt des Dorflebens. Die Musikkapelle nutzte das Gebäude bis Ende der 1980er-Jahre als Probenraum und trug so dazu bei, das Haus mit Leben zu füllen.
Bis in die jüngste Vergangenheit bot die Alte Schule den Rahmen für zahlreiche gemeinschaftliche Veranstaltungen. Dazu gehörten unter anderem der traditionelle Advents- und Ostermärkte der Bühler Frauen, das Martinsfest sowie die Feierlichkeiten zum 350-jährigen Jubiläum der Loretokapelle.
Als Pläne zum Abriss der Alten Schule bekannt wurden, formierte sich Widerstand. Engagierte Bürgerinnen und Bürger gründeten den Freundeskreis zum Erhalt der Alten Schule Bühl und setzten sich für den Fortbestand des historischen Gebäudes ein.
Im Februar 2020 mobilisierte die Initiative zahlreiche Unterstützer zur symbolischen „Umarmung“ der denkmalgeschützten Alten Schule. Ihr Ziel war es, das ortsbildprägende Gebäude und die gewachsene Dorfstruktur für kommende Generationen zu bewahren und mit neuem Leben zu füllen.
Das eingereichte Nutzungskonzept überzeugte schließlich die Eigentümer: Die Pfarrpfründestiftung St. Nikolaus und die Diözese Augsburg entschieden sich innerhalb der Bewerber für den Verkauf an den Freundeskreis und ermöglichten damit den Erhalt der Alten Schule.Der Abriss droht
2020
Eine Genossenschaft packt an
2020„Umarmung“ Alte Schule, Foto: Lena Alger
Mitten in der Corona-Pandemie entstand die Genossenschaft Alte Schule Bühl e. G.
Die Gründungsversammlung fand unter besonderen Umständen virtuell statt. Ein engagiertes Team aus Aufsichtsrat, Vorstand und Kernteam legte los und entwickelten die Sanierung des Gebäudes parallel zum künftigen Nutzungskonzept.
Über sechs Jahre hinweg wurde geplant, diskutiert und organisiert. Neue Netzwerke entstanden, zahlreiche Unterstützer zeichneten Genossenschaftsanteile, Fördermittel flossen in das Vorhaben und regelmäßige Informationen hielten die Öffentlichkeit auf dem Laufenden.
Dank einer großartigen Gemeinschaftsleistung mit ca. 17.000 ehrenamtlichen Stunden und vielen guten Geistern gelang es, die Sanierung mit rund 2,5 Millionen Euro zu verwirklichen.2026Feierliche Eröffnung
Fertigstellung der Sanierung 2026,
Foto: Patrick Dunst
„Herein spaziert“ heißt es im Juli 2026: Die Alte Schule präsentiert sich in neuem Glanz und verbindet Alt und Neu nach den Vorgaben des Denkmalschutzes zu einem Ort mit Wohlfühlatmosphäre. Allgäu typische Rundschindeln, großflächige Kastenfenster mit mundgeblasenen Fenstern, die zwei Weltkriege überlebt haben. Die historische Farbgebung gehen dabei eine harmonische Verbindung mit modernen Elementen wie Terrasse und Balkon ein. Das Treppenhaus im Jugendstil sowie original Türen, Parkettböden und Wandmalereien verbinden den Charme des Gebäudes mit neu gestalteten Elementen.
Neben einer Vielzahl an Büroräumen ist ein Café-Restaurant mit Terrasse entstanden, das einen Blick auf den Großen Alpsee bietet. Ein besonderer Ort ist der Dorfsaal mit kleiner Küche, der zur Anmietung zur Verfügung steht. Er bietet Raum für Hochzeiten, private Feiern, Yogakurse, Vorträge und weitere Veranstaltungen.